Beliebte Nicht-Orte

Transitraum Flughafen – eine philosophische Suche nach einem Mangel

popartDer älteste Flughafen der Welt ist in Deutschland, aber der größte von Europa ist in London. Heathrow ist nach Beijing  Capital International Airport und Atlanta Hartsfield Jackson der drittgrößte Flughafen der Welt. Zumindest rein statistisch nach den Fluggastzahlen von 2011. Moskaus größter Flughafen Domodedowo gewann dagegen 2011 traurige Anschlagsberühmtheit und der zweitgrößte Scheremetjewo ist aktuell mit seinem brisanten Gast Snowden im öffentlichen Fokus. Dieser erwärmt gerade medial die eingerosteten Resentiments kalter Kriegstage zwischen den USA und Rußland. Weniger Aufmerksamkeit bekommt da Tokyo´s Narita. Hat dieser aber de facto seit dem Baubeginn 1971 durch ein eigenes Volksaufbegehren den Titel „teuerster Flughafen der Welt“ bekommen und durch die bis heute andauernden Proteste die grandiose Chance verpasst, eine wichtige Rolle im asiatischen Raum zu spielen. Sehr zur Freude der Chinesen.

Vergleicht man die Fluggastzahlen auf Kontinentalebene, sieht man zuallererst, dass Afrika entweder nicht gerne fliegt oder noch nicht richtig kann. Die Umwelt wirds danken. Dagegen sind die Asiaten, allen voran die Chinesen, richtige Vielflieger geworden und das stetig steigend. Die Fluggastzahlen haben sich in den letzten zehn Jahren vervierfacht. von ca. 20. auf über 70. Millionen. Ganz vorne steht nach wie vor die USA. In Atlanta fliegen pro Jahr über 95. Millionen Menschen von A nach B und zurück. Die Hälfte davon sind reine Inlandsflüge. Noch ist ja Öl da.

Fliegen ist mehr als Reisen

Das denken sich auch alle Architekten, die sich zu einem Wettbewerb zum Bau eines Flughafens bewerben. „Denn der Flughafenbau ist die prominenteste Architekturaufgabe der Gegenwart“. Ein dynamisches 24hour-System. Das Gehetze und Gewarte wird einem immer angenehmer gemacht. Dutyfreeläden mit hübscher Raumästhetik sollen die Atmosphäre auflockern. Stilbildend sind nicht nur Sir Norman Foster und Cesar Pelli. Obwohl Ersterer den größten Flughafen in seinem Heimatland plant.

Unort Flughafen

Marc Augé warf 1994 ein kritisches Auge auf die sich häufenden Unorte der modernen Welt (Orte – Nicht Orte, Fr.a.M. 1994, Non -Lieux. Introduction á une anthropologic de la surmodernité). Er behandelte in dieser Architekturtheorie Begriffe wie Ort, Raum, Nichtort und Zeit und benennt u.a. Flughäfen und Autobahnen als Unorte. Er gab somit wichtige und neue Anstöße in der philosophischen, wie auch anthropologischen Betrachtung von Räumen. Er nimmt Bezüge zur Theorie des Fotografischen von Walter Benjamin.

Sein anthropologischer Raum hat viele Ebenen und differenziert sich von Nichtorten durch seine Faktoren wie Identität, Sozialbeziehung und eigene Geschichte. Alles am Nichtort ist beliebig und damit austauschbar. Nichtorte sind zum Beispiel Autobahnen. Die Raststätte steht für Stillstand abseits der Bahnen reiner Beschleunigung. Ebenso herrscht auf dem Flughafen ein ähnliches Bewegungsprinzip. Alles existiert zwischen warten und hetzen. Alle Menschen wollen irgendwo hin, kommen irgendwo her und gehen wieder irgendwo hin. Der Begriff „irgendwo“ ist hier bezeichnend.

Zeit der Gewöhnung

Nichtorte nehmen zu. Sie sind ebenso neu und das auf dem ganzen Erdball für alle Menschen. Der erste Flughafen der Welt wurde erst vor knapp Hundert Jahren gebaut. Die meisten erst vor maximal 50 oder 60 Jahren. Wenn überhaupt. Sie sind zwar noch keine Geschichte, aber sie schreiben sie gerade.

Nicht – Ort als Gegenwartslosigkeit ?

nichtorteEine Gemeinsamkeit dieser Unorten sind die zahllosen Symbole und Schilder. Ein Parcour der Wege und damit der Bewegung und zwar auf allen Flughäfen weltweit. Jeder hat die gleiche genormte Laufsprache. Das verbindet und schafft Identität. Man schaue sich einmal Menschen an, die sich an Nichtorten „heimisch“ fühlen, sogenannte  Vielflieger. Menschen, denen diese Orte vertraut sind. Die gerne anstehen, gerne von Schalter zu Schalter gehen, die den Kaffee dort lieben, die gerne die zähen Frischhaltefoliensnacks mögen und die gerne herumsitzen und warten. Aber geht das auch ohne Medientechnik? Wohl kaum. Darin liegt ihre Sozialstrategie. Sie kommunizieren auf virtueller Ebene und füllen damit die Lücken der Sozialbeziehung. Damit sind sie nicht allein und das nicht nur an Unorten des modernen Lebens. Denn Raum ist in keinem Fall mehr Raum so wie wir ihn vor nicht all zu langer Zeit dachten, dass er es sei. Dieser Raum ist auch immer jetzt relativ zur Perspektive seines Betrachters.

Dass der Mensch letztlich überall der „gleiche“ bleibt, ganz ungeachtet, ob in einem Unort oder Ort, zeigt überspitzt und mit vielen Klischees gespickt der aktuelle Streifen vom spanischen Erfolgsregisseur Pedro Almodovar „Fliegende Liebende.

 

 

 

 

 



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