Im Namen der Menschlichkeit

Santiago Sierra – Neue Radikalität – die Inszenierung von moralischer Beklemmung

sierra3Der in Madrid lebende Aktionskünstler Santiago Sierra skandaliert die Kunstwelt und hat spätestens seit der Biennale 2001 und 2003 weitreichende Bekanntheit. Er enthüllt  in seinen Kunstaktionen humanistische Werte, die diametral zu aktuellen politischen, wirtschaftlichen wie auch historischen Bedingungen stehen.  Dadurch wirft er neue Fragen zu dem Sinn und Zweck von Verhaltensweisen oder Entscheidungen auf. In einem Interview sagte er einmal, dass die Personen, die seine Kunst betrachten, häufig aus einer bestimmten Gesellschaftschicht kommen und damit ein unangenehmes Gefühl durch ihr Gewissen verspüren, ein Porträt Ihrerselbst zu sehen. Wie ernst es ihm mit den vertretenen Werten ist, demonstrierte 2010 seine Ablehnung des spanischen Nationalpreis für bildene Kunst (Primio Nacional de Artes Plasticas de Espana). Ganz im Stil vorheriger Intellektueller und Idealisten wie z.B. Sartre (Nobelpreis) und Brando (Oscar) verwies Sierra auf die instrumentalisierende Funktion von Auszeichnungen.

Eine Serie an Provokation

sierra4Der 1966 geborene Künstler setzte ein Affront an die sogenannte Realpolitik, indem er in seinem spanischen Beitrag für die Biennale in Venedig nur Personen mit einem gültigen spanischen Nationalausweis Einlass gewährte oder für einen unwürdigen Lohn Flüchtlinge körperliche Arbeit verrichten ließ. Ausgrenzung und Ausbeutung ein tägliches und dauerhaftes Problem auf der ganzen Welt. Eine ethische Herausforderung wurden auch die Aktionen wie in Deutschland, bei der er eine Synagoge mit Autogas füllte und die Besucher mit Gasmasken durch die dann tödlichen Räume schickte oder die Unberührbaren des indischen Kastensystems mit Fäkalien viereckige Gebilde herstellten ließ. Was ist ein Menschenleben wert? Diese ewige Frage stellte sich auch bei seiner berühmten Performance, bei der sechs junge Kubaner 1999 für rund 30 Dollar sich einen einfachen Strich auf den Rücken tätowieren ließen. Wie auch immer man seine Arbeiten bewertet, sie sind verglichen mit anderen zeitgenössischen Künstlern extrem reizvoll und bieten viel Stoff zum diskutieren und nachdenken.

Exhibition Hamburg 2013

sierra6Eine zusätzliche Herausforderung stellt die Darstellung seines Werkes dar. Prinzipiell sperrt sich Performance grundsätzlich für eine einfache Präsentationen, doch hierbei erschwert zusätzlich die Ausstellung einer Retrospektive. Die ca. 70 Arbeiten werden zu Teilen rekonstruiert und ermöglichen damit einen wunderbaren Überblick über das Schaffen Santiago Sierras. Außerdem gibt es Skulpturen und Relikte vorangegangener Aktionen oder Film- und Fotodokumentationen. Im Ganzen ist die aktuelle Ausstellung in den Deichterhallen Hamburg – Sammlung Falckenberg (Sept. 2013 – Jan. 2014) ein interessanter Blick auf eine einzigartige Mischung zwischen Minimalismus und Konzeptkunst.

 



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