Kunst geht auf die Nerven

Gedanken sind nur leuchtende Muster

hirn7Für unser Auge ist das Gehirn in vivo ein elektrisches Lichtspiel, dass durch die aktiven Neuronenfeuer je nach Stimulanz ganz eigentümliche Muster produziert. Für unsere Sinne ist die Welt immer wieder eine Überlagerung bereits vorhandener und neuer Erregungsmuster, woraus ein bestimmtes inneres „Seh-, Hör-, Geruchs- und Tastbild“. Leider ist hier nicht eine reine generierte Ansammlung an Sinneserfahrung anzutreffen, sondern die subjektive Einschätzung der individuellen Wichtigkeit ist ausschlaggebend für den Abgleich und die Neuproduktion eines Sinnbildes. So kommt es, dass jeder Mensch dem Nächsten immer auch ein Rätsel bleibt.

Daher versucht der Mensch seit jeher dem Menschen „in den Kopf“ zu schauen und als da die moralischen Bedenken überwunden schienen, fand er Eingang über die organische Ebene zu den inneren Prozessen. Doch die euphorische Kartographie der Abläufe der Informationsverarbeitung im Gehirn fand dann ein ernüchterndes Erwachen. Denn jeder einzelne Mensch hat wie bereits Eingangs angedeutet durch Veranlagung und Sozialisierung eine individuelle Musterbildung. Bei geschätzten Mittelwerten ergeben sich aber pro Gehirn in etwa 100 Milliarden Nervenzellen mit 100 Billionen Synapsen d.h. Nervenverbindungen. Demnach kann sich ein Neuron mit 1000 anderen direkt und mit allen potenziellen Neuronen über maximal vier Schritte verbinden. Die Anzahl der Muster gehen somit in die Unzählbarkeit und damit auch in die Undatierbarkeit. So kann man im Groben bestimmte Areale für einige grundlegende Ereignisse vorhersagen, doch bei genauerer Betrachtung ist die Regelmäßigkeit die Abweichung. Da fliegt dann auch keiner mehr über ein Kuckucksnest.

Neuronale Musen

hirn2Das die Abweichung als solche sowieso ein sehr interessantes Terrain ist, zeigt uns immer wieder der britische Erfolgsautor und Neurologe Oliver Sacks. Eines seiner Bestseller ist der literarische Streifzug durch die Hirnforschung als  Musicophilia. Ein Buch über die leidenschaftliche Beziehung zwischen Hirn und Musik, welches über unterschiedliche Fälle von ererbter, erworbener oder verloren gegangener Musikaffinität erzählt. Die wohl weltbekannteste Anekdote über ein seltsames auditives Leistungsvermögen war die Ertaubung von Ludwig van Beethoven bei der er seine erstaunlichsten Werke schuf.
Schaut man auf die Bilder der funktionellen Magnetresonanztomografie (fMRT und im englischen fMTI, I steht für imaging = Bildgebung), so zeigt sich in Hinblick auf akustische Wahrnehmung, dass Musik zuerst im Hirnstamm aufgenommen und dann erst in „höhere“ Ebenen des Bewusstseins zur weiteren Differenzierung weitergeleitet wird. Explizite Forschungen über den Zusammenhang zwischen Musikgenres und Hirnaktivität hat das finnische Team um Vinoo Alluri an der Universität von Iyväskylä im August 2013 gemacht.

Wie schwierig es ist, darüber Auskunft zu geben, warum manche Menschen besondere kreative Begabungen haben und andere nicht, versuchte auch der Neurophysiologe und Hirnchirurg Detlef Linke mit seinem Buch 2001 Kunst und Gehirn. Nach kritischen Stimmen ist sein literarisches Projekt darin gescheitert,  die Spannkraft zwischen Kunsttheorie und Hirnforschungsansätzen plausibel zu vermitteln. Außerdem ist er latent auf der Suche, nach dem Muster und die Erkenntnis eines Mechanismus von Musterbildung, um außergewöhnliche Leistungen des Gehirns von anderen zu unterscheiden.

Kunst ist und bewirkt dynamische Kommunikation

Letztendlich geht es überhaupt gar nicht darum, anhand von Hirnmustern Menschen zu „durchschauen“ und damit Handlungsvorhersagen zu treffen oder Erklärungen über imposante Vermögen zu machen. Es geht vielmehr darum durch Wissen über die Funktionen des Hirns eine möglichst höhe geistige Flexibilität zu erreichen. Diese so behaupten viele Neurobiologen und Forscher wäre eine gute Voraussetzung für ein harmonisches Sozialgefüge. Oder wie es der Neurobiologe Gerald Hüther in seinem Buch Die Macht der inneren Bilder von 2004 sagt:“ Schriftsteller, Künstler und viele andere Menschen, die ihre Erfahrungen an andere weitergeben, bemühen sich ebenfalls darum, neue Bilder zu erzeugen, und erreichen bisweilen, dass sich der Blick derer, die ihre Bücher oder Gedichte lesen und ihre Bilder oder Skulpturen betrachten, weitet und verändert, dass die inneren Bilder der Leser und Betrachter wieder lockerer und offener werden.“

 



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