Urbanismus

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Raumgestaltung

Lebendig waren die geographischen Landstriche auch schon bevor ein Mensch dazu kam, mithilfe dem Abbau irgendwo und dem Aufbau hier und dort, eigenständige Formen zu schaffen und damit eine spezifische Raumsprache zu entwickeln.
Großstädte entstanden durch anfangs und zum Teil bis heute noch geltenden attraktiven Standorten, wobei die Evaluation dieser zeitlich variiert. Mal ist es die fruchtbare und mobile Flussanbindung, mal die segenreiche Positionierung inmitten eines völkerwanderungsreichen Durchkreuzungsverkehrs.

 

Intimität und Anonymität as a social affair

urbanismus786Weite und Enge der Räume funktionieren in der Stadt genau im Umkehrschluß der sogenannten Provinz als Gegenspieler. Weite vollzieht sich auf der sozialen Ebene im Urbanen durch die großen räumlichen Distanzen zwischen den Menschen und Enge in dem tatsächlich gelebten Raum durch die Dichte der Ansammlung von Menschen. Man ist sich als Mensch sehr nahe, doch den Menschen denen man Nahe ist trennt eine starke Entfernung. Das schafft neue Verhaltensformen, die sich in unterschiedlichster Weise im Alltag präsentieren.

In manchen Städten ist eine sehr offene und direkte Kommunikation vorhanden, doch sie ist unverbindlich und flüchtig. Menschen denen man wirklich vertraut und die man teilhaben läßt am eigenen privaten Leben, trifft man dagegen eher sporadisch und mit fixierten Terminen. In einigen Städten kann es passieren, dass wenn man sein Viertel nicht zwingend verlassen muss, man bestimmten Menschen, die in der gleichen Stadt leben und die man kennt, selten bis niemals begegnet. So scheint es manchmal, als wäre man den fremden Menschen, die täglich mit einem die Fahrt Schulter an Schulter teilt näher, als denen die man als Freunde ab und zu trifft.

 

Zum Urbanen

Diese neu entstehenden Sozialstrukturen und die psychologischen Konsequenzen daraus, führen zu neuen untersuchungswürdigen Phänomen des Städtischen. Urbanistische Fragestellungen werden in verschiedenen Forschungsansätzen systematisch als Meßgrößen untersucht. Doch lassen sich die tieferen Eigenheiten dieses Umstands des Urbanen weniger auf qualitativer als auf qualitativer Ebene beleuchten. Das Urbane als solches ist in der Menschheitsgeschichte nicht wirklich neu. Man denke an die Stadtstaaten in Mesopotanien und auch später im antiken Griechenland. Doch die erweiterten Dimensionen und die mediale Vernetzung sind neu Phänomene, die zu bisher nicht dagewesenen Bedingungen führen.

Megacities auf dem Vormarsch aus dem Elend

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Heute schätzt man Bevölkerungsdichten mit Menschen zur Quadratmeterfläche. Mehr als eine Agglomeration sind Metropolregionen die eigentlichen Einheiten, die nicht wie bisher eine Kernstadt mit ihrem suburbanen Umfeld bemisst, sondern eine Region mitsamt ihrer meist wirtschaftlichen Verflechtungsgebiete. Die Humangeographie als ein Teilbereich der Geographie beschäftigt sich mit der Relation von Mensch und Raum d.h. menschliches Handeln zur räumlichen Organisation. Dieser Wissenschaftsbereich erfasst alle raumbezogenen Aspekte von Kultur und Gesellschaft mitsamt ihrer Pluralität und ihrem Wandel. Es geht um die direkten und indirekten Strukturen und Prozesse als auch um ihre immanenten sozialen Beziehungen, Abhängigkeiten und Unterschiede zwischen Regionen. Im Blickpunkt stehen dabei immer die Wechselbeziehungen zwischen natürlicher Umwelt, individuellem Handeln und kultureller Gestaltung. Gemeint sind damit alle gegenseitigen Beeinflußungen zwischen dem Menschen und den räumlichen Bedingungen. Wie kann man sich diese Mechanismen zu nutze machen, um unliebsame Moloche zu beseitigen deren man sich als modernes Land nicht rühmen kann und das Gesamtbild einer Nation im internationalen Vergleich verschlechtert.

Favela Bairro – ein avantgardistisches Urbanisierungsprogramm

Als Pionier eines neuen Paradigmas in der Stadtentwicklung von Entwicklungs- und Schwellenländern (Bric-Staaten) ist Rio de Janeiro in Brasilien in den 90ern gestartet. Ziel war es eine Megacity wie Rio, die Stadtviertel mit sehr schlechten Lebensbedingungen hat und diese mit neuer Methodik zu regulieren. Bisher gab es die Möglichkeit der Umsiedlung. Doch das neue Urbanisierungsprogramm  sollte die sogenannten Favelas (illegale Siedlungen) mit zum Beispiel infrastrukturellen Einrichtungen in die formelle Stadt integrieren.

urbanismus9Rio ist bisher bekannt als ein unüberschaubares Stadtmonster aus Müll und Menschen. Da konnte selbst der weltbekannte Karneval wenig für das Image tun. Doch Brasilien will seine zweitgrößte Stadt systematisch sanieren und bekämpft die dort vorherrschenden Schwierigkeiten strategisch neu und hat Erfolg. Als erstes sollte die Seilbahn in Rio für eine bessere Mobilität und Vernetzung sorgen.

Die Menschen in Rio fühlen sich laut einiger Aussagen durch diese Bahn aus ihren Löchern gezogen und sind flexibler mit Einkauf- und Arbeitsmöglichkeiten verbunden. urbanismus10Außerdem werden sogenannte Friedenspolizisten eingesetzt, um peu a peu die aktuell operierende militärische Präsenz mit entsprechenden Maßnahmen auszutauschen. Sie sollen ohne Waffen gegen das vor allen Dingen organisierte Verbrechen in den geballten Slums vorgehen und für Ruhe und Ordnung sorgen. Gespräche mit den dort lebenden Menschen wie auch unblutige Konfliktlösungen stehen auf dem Tagesplan. Finanziell wird dieses Projekt von der IDB gefördert. Die Interamerikanische Entwicklungsbank wurde einst von 19 amerikanischen Staaten gegründet und zählt heute auch u.a. Österreich, Deutschland, Kanada, Japan, Israel und die Schweiz dazu. Hauptziele dieser Bank ist die Bekämpfung von Armut und sozialer Ungleichheit.

Nulltoleranzstrategie als Elendsbekämpfung

urbanismus5Eine nicht ganz so humane Lösung verfolgte der in den 90ern amtierende Bürgermeisters Giuliani in N.Y.C., mit seiner strikten law-and-order-Politik. Er sorgte zwar für ein sichereres Stadtleben, aber bis heute gibt es viele Zweifel ob seine „Nulltoleranzstrategie“ wirklich dafür verantwortlich war. Vielleicht kann Rio mit seiner Methodik als Paradebeispiel voranschreiten und anderen problematischen Megacities wie Lagos in Nigeria oder Bombay in Indien Mut machen. Interessant bleibt aber, dass diese absolut chaotischen Megacities der Vorstellung einer „modernen“ Stadt widersprechen und trotzdem irgendwie funktionieren.

Irgendwie ist hier dann auch der Schlüsselbegriff und das bedeutet, der Mensch organisiert sich auch ohne eine kontrollierende Administration. Denn jedes Chaos birgt im philosophischen Sinne eine eigene sich regulierende Ordnung. Der einzige Beweis, für ein Scheitern einer Menschenansammlung, wäre das Ausbleiben einer Fortpflanzung. Doch Elendsviertel erfreuen sich einer hohen Geburtenrate, auch wenn die Kindersterblichkeit und die Kriminalität diese wieder verkleinert. Elendsviertel sind dicht besiedelt und platzen aus allen räumlichen Nähten. Nicht selten wird für dieses Funktionieren der analoge Begriff des Dschungels verwendet. Concrete jungle

 

 

 

 

 



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